Projektreise Peru und Bolivien 2016

Auf die Mütter kommt es an

Im andinen Hochland von Peru und Bolivien unterstützt das LAZ  gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen „Kusi Warma“ und „APCOB“ die gesundheitliche Versorgung von Müttern und Kindern. LAZ-Referent Robert Kaeser hat sich von der erfolgreichen Arbeit vor Ort überzeugt und schildert seine Eindrücke.

Bei einem starken peruanischen Kaffee lernten wir uns kennen. Schon um fünf Uhr morgens  wartete Almeida Montes von unserer Partnerorganisation „Kusi Warma“ am Flughafen in Lima auf mich. Bevor wir gemeinsam mit einer kleiner Propellermaschine in das  Projektgebiet in Andahuaylas (Hochanden bei Ayacucho, Provinz Apurimac) flogen, tauschten wir uns über den neuesten Stand des Programms zur Verbesserung der Gesundheit von Müttern und Kindern aus.

Schwerpunkt dieses Projekts, das seit 2014 vom LAZ betreut wird, ist die gesundheitliche Aufklärung und Versorgung von Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern in elf Dorfgemeinschaften in der Region der Kleinstadt Andahuaylas.  Dank der Bemühungen von Sozialarbeitern gibt es dort mittlerweile in jeder Gemeinde Räume für die Zielgruppe, teils in bestehenden Gesundheitszentren, Schulen oder Gemeindehäusern. Die Arbeit der Renovierung und der Baumaßnahmen wurde seitens der Eltern übernommen, Baumaterial sowie Einrichtung und Ausstattung wurden über das Projekt finanziert.

Ziegelsteinofen statt offenes Feuer

Ich fand sehr liebevolle hergerichtete „Spielzimmer“ vor. Während die Kinder mit Bällen, Holzautos, Puzzle-Teilen und Bauklötze spielten, kümmerte sich eine Sozialarbeiterin um die Frauen. Den Schwangeren wird erklärt, was die Laborwerte der Blutuntersuchung bedeuten und worauf bei einer gesunden Ernährung von Mutter und Kind zu achten ist. Auf großen Plakaten an den Wänden der Zimmer ist die Entwicklung einer Schwangerschaft in einem Kurvendiagrammen nachgezeichnet.

Was auf den ersten Blick wie eine Selbstverständlichkeit wirkt, ist das Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit. Die gesundheitliche Beratung und Aufklärung geht einher mit Maßnahmen, die dazu beitragen, die Ernährung der ländlichen Bevölkerung zu verbessern.  Dazu gehört zum Beispiel die Zucht von Meerschweinchen, sowie die Verbesserung der Küchen bei indigenen Zielgruppen. In ihren Häusern ist der Küchenraum meist der zentrale Raum, in dem die Kinder spielen und auch die Meerschweinchen gehalten werden. Die Kochstelle ist ein Aluminiumtopf auf drei Holzscheiten am Boden, die starken Qualm erzeugt.

Durch die Auslagerung der Kleintierhaltung in einen anderen Raum sowie die Errichtung eines einfachen Ziegelsteinofens mit einem integrierten Abzugsrohr konnte mit geringem Aufwand eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität der gesamten Familie erreicht werden. Auch die Atemwegs- und Augenerkrankungen gingen dadurch stark zurück.

Durch die Erfolge wurden viele Mütter ermutigt, selbstständig ihr Lebensumfeld zu verändern. Damit sich diese positive Entwicklung fortsetzt und der Wandel  langfristig wirkt, ist es wichtig, möglichst viele Akteure mit einzubeziehen. Dazu gehören auch die Vertreter der öffentlichen Gesundheitsversorgung, Lehrer und lokale Politiker, die bisher mit dem Begriff der „Mutter- und Kind-Gesundheit“ recht wenig anzufangen wussten. Damit die durch das Programm gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse auch weiteren Dorfgemeinschaften in der Region von Andahuaylas zugute kommen können, wäre eine Fortsetzung des Projektes wichtig.

Misstrauen gegenüber moderner Medizin

Nach einer Woche in den peruanischen Anden ging es weiter nach Santa Cruz in Bolivien. Als ich um acht Uhr morgens im Hotel vom Flughafen ankam, blieb nur eine halbe Stunde Zeit bis zur nächsten Einsatzbesprechung. Lenny Rodriguez von unserer Partner-NGO APCOB holte mich ab. Mitgründer von APCOB ist der deutsche Anthropologe Jürgen Riester, der seit über 30 Jahren in Bolivien lebt und mehrere Büchern geschrieben hat.

Ziel des LAZ-Projektes ist es, die gesundheitliche Versorgung der indigenen Volksgruppe  Ayoreo in Bolivien (Ca. 700 Personen, aufgeteilt in 13 Dorf- und Stadtgemeinden) zu verbessern. Da die Ayoreo erst in den 1950er Jahren aus dem Chaco-Gebiet in Paraguay in „einwanderten“, wurden sie zunächst nicht wahrgenommen. Sie  führten ein Nomadenleben und wurden vom bolivianischen Staat größtenteils ignoriert. So fielen die Ayoreo bei Gesundheits- und Schulprogrammen durch alle Raster und wurden in ihren Gebieten lediglich „geduldet“. Zudem werden sie durch Agrobusiness (Soja-, Baumwollplantagen sowie extensive Tierzucht) und die für Bolivien so wichtige Gas- und Erdölförderung verdrängt. In den Städten sind sie Armut und Diskriminierung ausgesetzt.

Diabetisches Koma

Durch die dramatische Umstellung ihrer Nahrungs- und Lebensgewohnheiten ist diese indigene Bevölkerungsgruppe besonders anfällig für „moderne Zivilisationskrankheiten“ wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettleibigkeit. Gleich an meinem ersten Tag meines Besuchs im Zentrum der Ayoreo in Santa Cruz musste ich miterleben, wie ein Taxi gerufen wurde, um die Leiche einer 40-jährigen Frau abzutransportieren. Sie war an den Folgen eines diabetischen Koma gestorben, weil sie kein Insulin hatte , um den Blutzucker zu senken.

Trotz dieses traurigen Vorfalls konnte ich während meines Aufenthaltes in Bolivien  beobachten, dass sich der Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung in der Region allgemein verbessert hat. Im Rahmen des LAZ-Projektes geht es darum, die Gemeinden der Ayoreo zu besuchen, die Bevölkerung von der Notwendigkeit medizinischer Untersuchungen zu überzeugen, ein Bewusstsein für Prävention zu schaffen und Hilfestellungen beim Zugang zu den örtlichen Gesundheitszentren anzubieten. Der oft mühselige Einsatz unseres Projektpartners wird durch die Begegnung mit den Kindern belohnt, die freudestrahlend über den Dorfplatz rennen, um zu sehen, wer sie heute besucht und zu zeigen, wie gut sie Volleyball spielen oder Lesen und Schreiben können.

Unvergesslich bleibt die herzliche und spontane Gastfreundschaft und Dankbarkeit der Familien, wenn sie im Gespräch erfahren, dass die Projektarbeit nicht durch das Unterschreiben eines großen „Schecks“ entsteht, sondern durch die Beteiligung von vielen interessierten Menschen in Deutschland, die ebenfalls kleine oder größere Entbehrungen auf sich nehmen, um dieses Projekt finanziell zu ermöglichen. (C)LAZ