„Kolumbien muss sich neu erfinden“ – Interview zum Friedensprozess im Land

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Wenn die Konfliktparteien sich auf ein Friedensabkommen geeinigt haben, ist danach die Unterstützung der Zivilgesellschaft in dem südamerikanischen Land wichtiger denn je. Gerade Kaffeebauern könnten zum Motor für wirtschaftliche Entwicklung und Wandel werden, meint Lina Maria Echeverri-Roeder, Nachhaltigkeitsberaterin u.a. für den kolumbianischen Kaffeebauern-Verband. Das LAZ unterstützt die Arbeit der Kaffeebauern seit langem.


 

LAZ: Kolumbien hat 50 Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Welche Schäden hat dieser im Land angerichtet?

Lina Maria Echeverri-Roeder: Durch den Bürgerkrieg haben wir es 50 Jahre lang versäumt, in soziale und wirtschaftliche Entwicklung zu investieren. Ein großer Teil der finanziellen Ressourcen wurde stattdessen für Sicherheits- und Abwehrmaßnahmen aufgewendet, damit ein Leben inmitten des Konflikts überhaupt möglich war. Wie an so vielen Orten mit langjährigen bewaffneten Konflikten zeichnen sich jenseits der materiellen Zerstörungen subtilere, tiefer gehende Schäden ab. Dazu gehören gesellschaftliche Polarisierung und mangelnde Verantwortungsbereitschaft für eigene Probleme. Wir haben uns daran gewöhnt, dass immer “die anderen” für alle Übel im Land verantwortlich sind. Viele fühlen sich nicht verpflichtet dafür zu sorgen, dass in unserer Umgebung die Dinge funktionieren. Wir sind nicht darauf vorbereitet worden, dass es für scheinbar unumstößliche Situationen verschiedene Lösungen gibt. Es fällt uns schwer, mit anderen auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, wenn sie nicht unsere Anschauung teilen. 

In Kolumbien selbst zweifeln viele daran, dass es wirklich zu einem Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC kommt. Wie groß ist die Gefahr des Scheiterns?

 100_0966Nach 50 Jahren Bürgerkrieg und vielen fehlgeschlagenen Versuchen diesen zu beenden, ist die Skepsis extrem hoch. Jeder Kolumbianer ist mittlerweile zum Konfliktexperten avanciert. Fast alle haben am eigenen Leib die Auswirkungen des Krieges zu spüren bekommen. Wir haben gesehen, wie die FARC Vereinbarungen missachtet, wie bestimmte Regierungsmitglieder und gesellschaftliche Eliten den Konflikt am Laufen halten, weil sie davon profitieren, und wie Kriminelle und Mafiosi von innen die Gesellschaft infiltrieren. Deshalb fällt es schwer zu glauben, dass diesmal wirklich guter Wille vorhanden ist und es um das Wohl unseres Landes geht. Mangelnde Transparenz und die Komplexität der Verhandlungen tragen auch nicht zu einer positiven Stimmung bei.  Es empfiehlt sich daher, den Verhandlungsprozess kritisch zu begleiten.

Das hört sich alles andere als optimistisch an…

Die Herausforderung  besteht darin, eine neue “Friedenskultur- und pädagogik” zu entwickeln. Wir Kolumbianer müssen verstehen, dass der Friedensprozess – und vor allem die  Nachkriegsphase –uns alle angeht. Das ist keine Angelegenheit des Präsidenten oder der Rebellen. Es handelt sich um eine historische Gelegenheit für das Land, sich “neu zu denken” und “neu zu erfinden”, und dabei muss ich immer daran denken, wie Deutschland sich schon mehrmals neu erfunden hat. Das Friedensabkommen wäre ein Anfang und eine symbolträchtige Interessensbekundung von historischer Bedeutung. Es muss von Taten und langfristiger, harter und gemeinsamer Arbeit begleitet werden, damit es Realität wird.

Welche Perspektiven eröffnen sich für Projekte der „Cafeteros de Colombia“ bei einer möglichen Befriedung Kolumbiens?

Junge KaffeepflanzenDem Kaffeesektor kommt bei der Wiedereingliederung der Kämpfer in die Gesellschaft und der Reaktivierung der nationalen Landwirtschaft eine entscheidende Rolle zu. Er verfügt über institutionelle Kapazitäten und Erfahrungen, die auch anderen landwirtschaftlichen Bereichen dienen. Der Kaffeeverband in Kolumbien ist eine der größten landwirtschaftlichen Nichtregierungsorganisationen weltweit  und jedes einzelne seiner Projekte ist ein Beispiel für die Stärke der Zivilgesellschaft. Er hat es geschafft, im Laufe von fast 90 Jahren mehr als 500.000 Bauernfamilien zu stärken und zu organisieren. Er hat ein soziales, geschäftliches und institutionelles Netz geschaffen, das selbst den kleinsten Produzenten, die in Kolumbien  mehr als 80 Prozent der Kaffeebauern stellen, Beachtung und technische Unterstützung verschafft. Die Projekte entstehen vor Ort in den Gemeinden, doch sie werden über eine gemeinsame  Plattform nationaler und internationaler Kooperation eingebunden, die know how und finanzielle Mittel vermittelt.

So konnte zum Beispiel durch diese Kooperation der Kaffeeanbau erneuert und somit auch an die  Auswirkungen des Klimawandels angepasst  werden. Ein weiteres Beispiel sind Anreize für junge kleinbäuerliche Familien, um in der Landwirtschaft zu bleiben. Sie sollen durch den Kaffeeanbau echte Perspektiven für sich und ihre Gemeinden finden. 

Welche Bedeutung hat die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wie dem LAZ, das solche Kaffeeprojekte im Land unterstützt?

Die internationale Unterstützung durch Organisationen wie das LAZ ist für die kolumbianischen Kaffeebauern von großer Bedeutung. Sie ermöglicht es, dass die Projekte erweitert und mehr Menschen erreicht werden, gleichzeitig erhöhen sich die Qualitätsstandards. Sie ist zudem ein Zeichen internationaler Solidarität: Wir wissen, dass wir nicht alleine sind.

Basisorganisationen wie die Comités de Cafeteros bieten in Zusammenarbeit mit den NGOs die organisatorischen Strukturen und Aktionsmechanismen an, um Ressourcen und Erfahrungen von Menschen zu kanalisieren, die helfen wollen, obwohl sie sich auf der anderen Seite der Welt befinden.

Welchen Beitrag können die Projekte konkret für den Wiederaufbau leisten und wo liegen die Grenzen?

Die Projekte, die das LAZ mit den Kaffeebauern realisiert, sind darauf ausgerichtet, junge Familien vom Land in der Region Antioquia zu fördern und zu unterstützen. In dem Moment, wo sich die sozialen Strukturen und die Produktivität verbessern, verbessern sich auch die wirtschaftliche Lage und die Ernährungssicherheit der Kaffeebauern. Die große Chance liegt darin, sie und ihre Familien zu unterstützen und zu Motoren der ländlichen Entwicklung zu machen, damit sie zum Frieden in der ländlichen Region beitragen und gleichzeitig davon profitieren können.

Die Grenzen der Projektarbeit bestehen in der lokalen Reichweite, bei der nur eine begrenzte Anzahl von Familien erreicht wird. Es wird nach Möglichkeiten gesucht,  die Programme und ihre Wirkung zu erweitern. Aber man muss realistisch bleiben: Es gibt immer externe Risiken, die Entwicklungen lähmen und  Resultate beeinflussen können.

Copyright: Comité de Cafeteros de Antioquia

Copyright: Comité de Cafeteros de Antioquia

Lina Maria Echeverri-Roeder ist Beraterin für Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit u.a. für die Federación Nacional de Cafeteros de Colombia in Europa. Die Fragen stellten Jannika Röminger und Astrid Prange.

Mehr Infos zum Kaffeeanbau in Kolumbien unter: www.federaciondecafeteros.org/